Wie der Ginkgo Biloba zum Baum der Liebenden wurde
 

Wie der Ginkgo Biloba zum Baum der Liebenden wurde

„Liebe Kinder haben viele Namen“ ist ein bekanntes deutsches Sprichwort. Der Baum mit den einzigartig geformten Blättern lebt seit 300 Millionen Jahren auf unserer Erde. Er wird für seine Anpassungsfähigkeit verehrt. Menschen unterschiedlicher Kulturen haben ihn mit weiteren Namen bedacht. Er wird Fächerbaum, Entenfuss-Baum, Grossvater-Enkel-Baum, Tausend-Taler-Baum und seit Goethes Gedicht auch „Baum der Liebenden“ genannt.

null

Einst war der aus China stammende Ginkgo auf der ganzen nördlichen Halbkugel verbreitet. Spätestens mit der letzten Eiszeit verschwand die Gattung der Ginkgoaceae aus Europa. Im wärmeren Ostasien überlebte sie. Von den Europäern wurde der Ginkgo im Japan des 18. Jahrhunderts wiederentdeckt und beschrieben.

Mit der Entwicklung der botanischen Wissenschaft stieg das Verlangen der Fürstenhäuser nach exotischen Pflanzen für ihre Parkanlagen. 1730 brachten holländische Händler Samen nach Europa.

Johann Wolfgang von Goethe lebte von 1749 bis 1832. Zu seiner Zeit war der Ginkgo Biloba Gegenstand der naturwissenschaftlichen Forschung und auch ein beliebtes Gesprächsthema in der Gesellschaft. So soll im Herbst des Jahres 1815 Goethe während eines Gespräches mit Freunden das zweiteilige Blatt des Ginkgobaumes als Symbol des Doppelsinnigen, das vielen Dingen innewohnt, herangezogen haben.

Ein solches Blatt und ein eigens dazu geschriebenes Gedicht sandte er als Ausdruck seiner Zuneigung an Marianne von Willemer, der dritten Ehefrau des Frankfurter Bankiers Johann Jakob von Willemer. Daraus entstand eine Art literarischer Dialog zwischen den beidenEiniges davon wurde im Buch „Suleika“ (Codewort für Marianne von Willemer) im „West-östlichen Divan“ veröffentlicht.

Ginkgo Bilob

Dieses Baums Blatt, der von Osten

Meinem Garten anvertraut,

Gibt geheimen Sinn zu kosten,

Wie's den Wissenden erbaut,

Ist es ein lebendig Wesen,

Das sich in sich selbst gtrennt?

Sind es zwey, die sich erlesen,

Daß man sie als Eines kennt?

Solche Frage zu erwiedern,

Fand ich wohl den rechten Sinn,

Fühlst du nicht an meinen Liedern,

Daß ich Eins und doppelt bin?

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

null

Quellenangaben und Ergänzungen:

-Ginkgo, Der Baum des Lebens, Insel Taschenbuch 4164

-Marianne Beuchert, Symbolik der Pflanzen, Insel Taschenbuch 2994, ab Seite 111

Link zum Surfen 1: und Link zum Surfen 2

-Bild 1 (Wikipedia, Frank Behnsen): Die Blätter des ältesten Ginkgobaumes Deutschlands. Er wurde im Jahr 1750 gepflanzt. Zu bewundern im Stadtteil Rödelheim (Frankfurt am Main), auf dem Grundstück des Petrihauses am Ufer des Flusses Nidda. Er hat den Status eines Naturdenkmals und ist der Öffentlichkeit nicht frei zugänglich.
-Bild 2 (Wikipedia): Das Gedicht Goethes in Reinschrift mit den dazu geklebten Blättern

Ergänzendes Videomaterial:

Wer war Goethe? (Deutsch, 5 Min.)

Was ist die Weimarer Klassik? (Deutsch, 5 Min.)

Ein Gespräch mit dem Goethe-Biografen Rüdiger Safranski. (Deutsch, 48 Min.)

Texte und Informationen von dieser Website können mit Quellenangabe grundsätzlich weiterverwendet werden.